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"Damals" in Reichelsheim
Beienheim
Das Geld des Dorfes dem Dorfe
...lautet der Spruch auf dem Schild des Raiffeisensparvereins an der Hauswand des Anwesens Hauptstraße 6 - heutige Berliner Straße 19 - im Jahr 1932.
Doch welche Geschichte steckt dahinter?
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren in Deutschland Armut, Hunger und soziale Mißstände weit verbreitet, insbesondere in den ländlichen Regionen. Deutschland war zu dieser Zeit noch kein einheitlicher Nationalstaat, wie wir ihn heute kennen, sondern bestand aus einem Flickenteppich von rund 35 souveränen Fürstentümern und freien Städten. Für die einfache Bevölkerung bedeutete dies erhebliche Nachteile. Die Menschen waren den jeweiligen Landesfürsten oder Großherzögen mit ihren Gesetzen und Abgaben gewissermaßen ausgeliefert. Frondienste sowie oft unverhältnismäßig hohe Abgaben in Form von Getreide und Vieh mußten an die sogenannten „Berechtigten“ geleistet werden.
Erst im Jahr 1848 kam es mit dem Abschluß der sogenannten Bauernbefreiung zu einem grundlegenden Wandel. Die Aufhebung der bäuerlichen Untertänigkeit und der feudalen Lasten führte dazu, daß Bauern zu freien Eigentümern ihres Bodens wurden. Dies markierte einen wichtigen Schritt hin zur modernen Landwirtschaft und zur bäuerlichen Selbstverwaltung. Doch die neue Freiheit brachte auch neue Herausforderungen mit sich. Die Bauernbefreiung und die beginnende Industrialisierung schufen zwar wirtschaftliche Eigenständigkeit, doch viele Menschen - insbesondere in ländlichen Gebieten - waren im Umgang mit finanziellen Angelegenheiten unerfahren. In der Folge gerieten sie häufig in Abhängigkeit von skrupellosen Geldverleihern, verschuldeten sich stark, verloren ihren Besitz und verarmten erneut.
Aus dieser Not heraus gründete Friedrich Wilhelm Raiffeisen im Jahr 1849 als junger Bürgermeister in Weyerbusch (Westerwald) den „Verein für Selbstbeschaffung von Brot und Früchten“, den sogenannten „Brodverein“. Dieser gilt als einer der ersten Schritte hin zu einer solidarischen Selbsthilfeorganisation.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelten sich aus solchen Initiativen - auch im Zusammenwirken mit den Vorschuss- und Darlehenskassenvereinen und Persönlichkeiten wie Hermann Schulze-Delitzsch - schließlich die Genossenschaftsbanken. In der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden daraus die heute bekannten Volks- und Raiffeisenbanken.
Die örtlichen Genossenschaften entstanden in unserer Region um das Jahr 1900. Wann genau die Gründung in Beienheim erfolgte, läßt sich aus den vorliegenden Unterlagen jedoch nicht eindeutig feststellen, da diese zunächst lediglich zur Untermiete auf dem besagten Grundstück ansässig waren. Im Jahr 1900 wechselte das Anwesen in den Besitz von Karl Johann Tröller, der es in 1911 an Philipp Faist weiterverkaufte.
1914 schließlich erwarb Reinhardt Georg Maul das Haus. Anders als sein Name vermuten läßt, gehörte er nicht zur bekannten Beienheimer Familie Maul, sondern stammte ursprünglich aus der Rhön. Damit setzte sich die lange Reihe wechselnder Besitzer fort, die das Anwesen über die Jahre prägten.
Das auf dem Foto abgebildete Anwesen mit der seinerzeitigen Grundstück Nr. 104 1/10 befand sich nur teilweise im Besitz des „Raiffeisen-Vereins Beienheim“. Laut Brandkataster aus dem Jahr 1880, ist auf diesem Grundstück von einer Wellblechbaracke mit einem Wert von 315 Mark die Rede. Dort wurden seinerzeit, ganz im Sinne der Genossenschaften, preisgünstig Saatgut, Dünger, und andere landwirtschaftliche Waren angeboten. Darüber hinaus läßt sich vermuten, daß es dort auch Rauchwaren, Schuhcreme, Fleischextrakt, Waschmittel und Kaffee-Ersatz gegeben haben muß. Darauf weisen zumindest die zahlreichen Reklameschilder am Zaun hin. Ob diese Waren jedoch tatsächlich in der Wellblechbaracke erhältlich waren, konnte zum Zeitpunkt der Recherche nicht abschließend geklärt werden.
Text und Recherche: Christian Rosenbecker
Bilder: Friedel Barth, Christian Rosenbecker
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Verantwortlich und Ansprechpartner:
Horst Diehl, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsverein Reichelsheim/Wetterau e.V. (HGV)
Bingenheimer Straße 29
E-Mail: h.diehl@web.de

