Blick auf das historische Rathaus in Reichelsheim Bingenheimer Str. 33

"Damals" in Reichelsheim

Das Schulprojekt eines 15-jährigen Schülers aus Bad Nauheim hat mich so begeistert, dass ich beschlossen habe, einen Bericht über unseren alten, aber immer noch bestehenden Bahnhof zu schreiben.

Sein Werk kann noch bis Ende der Ferien im städtischen Rathaus besichtigt werden.
Ich habe es mir angesehen und war beeindruckt von der detailgetreuen und liebevollen Nachbildung des Gebäudes. Für die Ausstellung errichtete er sogar eine komplette Modellanlage mit Schienen, Signalen und weiterer Bahntechnik. Sogar ein moderner Triebwagen steht vor dem Bahnhofsgebäude.

Ich nahm mit ihm Kontakt auf und er erläuterte mir seine Wahl des Beienheimer Bahnhofs als Projekt. Sein besonderer Charme und der ursprüngliche Charakter der gesamten Bahnanlage seien ausschlaggebend gewesen, so seine Argumentation. Nur noch eine kurze Weile wird die Nutzung der alten Flügelsignale und Weichentechnik durch das handbetriebene Stellwerk mit Muskelkraft noch andauern, da die digitale Technologie bereits montiert ist.

DER BEIENHEIMER BAHNHOF

Seit 1894 hatte man mit dem Ankauf von Land begonnen, um die bereits in 1890 eröffnete Bahnstrecke Hungen-Laubach an Friedberg anzuknüpfen. Mit Datum Juni 1895 liegen die Pläne zur Erbauung des Bahnhofes Beienheim dem Bauamt vor. Eröffnung der Linien Friedberg-Hungen und gleichermaßen Friedberg-Nidda mit dem Knotenpunkt Beienheim war am 01. Oktober 1897. 

Ab 2. Oktober 1897 fuhren die ersten Dampfzüge regelmäßig und nach Fahrplan auf der neuen Bahnlinie Friedberg - Hungen und Friedberg - Nidda.

Nach mehrjähriger Bauzeit wurde sie am Tag vorher offiziell eröffnet. Dieses Wiegenfest bedeutete zweifellos für die Wetterau und ihre Bewohner ein Ereignis das auch gebührend gefeiert wurde.

Die Heimatpresse schreibt hierzu:

Der Festzug mit all seinen hochherrschaftlichen Vertretern der Bahn, des Kreises und den beiden Kammern des Landtages wurden an den festlich geschmückten Stationsgebäuden der beiden Linien von Schulen, Vereinen und Bewohner mit Gesang und Musik herzlich empfangen. An allen Bahnhöfen wurden herzliche Begrüßungsreden gehalten, welche von der Freude der Bewohner zeugten.

Durch die Inbetriebnahme dieser beiden damals wie heute bis Beienheim vereinten und sich dort trennenden Schienenstränge wurden zahlreiche Gemeinden unmittelbar und viele ihrer Nachbarorte mittelbar in dieses Verkehrsnetz einbezogen. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Bewohner dieser Orte bis zur Eröffnung der neuen Bahnlinien oft viele Stunden zu Fuß oder bestenfalls mit einem Fuhrwerk zur Kreisstadt oder zu ihren Einkaufsstätten unterwegs waren, kann man sich unschwer vorstellen, was für den erfaßten Raum diese Verbesserung der Verkehrsverhältnisse bedeutete.

Man musste es sich trotzdem leisten können, denn ganz so preiswert war es nicht.

Damals verdiente man auf dem Lande durchschnittlich ca. 8 Mark und in der Industrie etwa 15 Mark pro Woche.

Eine Fahrt von Friedberg zu den beiden Endstationen Hungen oder Nidda kosteten in der 4. Klasse jeweils 1 Mark und für 1,50 Mark war dann die Rückfahrt mit dabei. 

Am 02. Oktober erschien neben dieser erfreulichen Meldung leider auch eine traurige Nachricht in der Heimatpresse. Dieser Bericht spricht von zwei Opfern, die die neue Bahn gefordert habe. Danach sei ein Mann und eine Frau unter die Maschine des um 1:21 Uhr in Beienheim abgehenden Zuges geraten. Die Frau sollte bereits tot sein, während der Mann hoffnungslos darniederliege.

Wesentlich freundlicher ist dagegen eine Meldung vom Vortag der Eröffnung. In ihr heißt es: „Infolge der Eröffnung der neuen Bahnen fuhr gestern Bote Schönwolf von Weckesheim zum letzten Mal mit seinem Hundefuhrwerk hier her (Friedberg), aus welchem Anlass man ihn selbst, wie auch Wagen und Hunde mit Rosen und Fähnchen hier bekränzt und geschmückt hatte“.

Beitrag und Recherche Rainer Rosenbecker, HGV Reichelsheim e.V. Arbeitskreis Beienheim

Die Ansichtskarte wurde uns von Erwin Schweinitzer zur Verfügung gestellt.

Der Artikel kann online unter  http://goo.gl/Ja8kG3  (Groß- Kleinschreibung beachten) aufgerufen werden.

Verantwortlich und Ansprechpartner:

Horst Diehl, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsverein Reichelsheim/Wetterau e.V. (HGV)

Bingenheimer Straße 29
E-Mail:  h.diehl@web.de